Ja, ich muss zugeben, auch ich hatte jahrzehntelang ein Brett vorm Kopf, wenn es um den Landtagsplatz in Hösseringen ging…
Früher – nach meinen kindlichen Vorstellungen, hatten behaarte Germanen grunzend und fluchend ein paar ordentliche Wackersteine nach Hösseringen gerollt, um sie dort am Landtagsplatz in eine gewisse Ordnung zu bringen. Hier sollten regelmäßige Zusammenkünfte stattfinden, auf denen sie stritten und sich gegenseitig die Keulen auf den Schädel kloppten, um zu einem ordentlichen Beratungsergebnis zu kommen. Nebenbei wurden Hammel auf dem Opferstein geschlachtet und anschließend gut gegrillt verzehrt – natürlich wieder unter Einsatz der Keulen, wenn es um die besten Stücke ging…
Später – da konnte ich schon lesen, wunderte ich mich über die Ortsnamen auf den Steinen. Meine Vorstellungen wurden mit ein bisschen Halbwissen ergänzt.
Und – na ja, da wurden es eben Steine, auf denen jeweils ein Abgeordneter des „Landtages“ hockte.Für jeden Ort im Kreis einer. Was der Landtag war, und warum und worüber er ausgerechnet unter freiem Himmel tagte, blieb mir stets ein Rätsel. Weder Schule noch Familie konnten Licht in die Angelegenheit bringen. Sie bestärkten eher noch meine frühen Vorstellungen.
Heute – weiß ich, dass die Geschichte um den germanischen Versammlungsort lediglich auf Vermutungen eines Heimatforschers (von Estorff) aus dem Jahr 1846 beruhen.
Vorgeschichte
Von Estorff hatte irgendwo in der Umgebung des „Schooten“ bei Hösseringen ein paar Steine gefunden, denen er aufgrund ihrer „Sitzhöhe“ die Funktion eines sagenhaften „Dingplatzes“ andichtete. Diese Vermutung setzte sich in den Köpfen vieler Menschen fest.
Ein anderer Historiker (von Hammerstein), sprach sich 1869 gegen die Vermutungen von Estorffs aus, weil er in seinen Forschungen keine Hinweise auf eine Versammlungsstätte vor dem 14. Jahrhundert im Schooten fand.
Er vertrat die Meinung, dass es dort vom 14. Jahrhundert bis zum Jahre 1652 einen Gerichts- und Versammlungsplatz der „Lüneburger Land- und Ritterschaften“ gegeben haben muss. Beweisen konnte er das nicht.
1902 waren an der durch von Estorff beschriebenen Stelle keine Steine mehr zu finden und so sah sich die „Ritterschaft“ genötigt, einen Gedenkstein im Schooten aufzustellen. Die „Sage“ eines germanischen Thingplatz sollte aufrechterhalten werden.
Da die Region inzwischen völlig bewaldet, und die Lage des durch von Estorff beschrieben Platzes nicht mehr nachzuvollziehen war, wurde der Stein an der heutigen Stelle des Landtagsplatzes aufgestellt.
NS-Zeit
1936 nehmen die Nationalsozialisten den Landtagsplatz in Beschlag. Er paßt in ihre dumpfe Ideologie des Germanenkults und soll nun zum Versammlungsplatz des hiesigen Bauerntums neu gestaltet werden. Steine werden aus allen Dörfern herangebracht und mit ihren Namen beschriftet.
Das geschieht federführend durch den Kreisbauernführer Gloystein. Dieser gründet 1936 auch den Verein „Vereinigung Landtagsplatz Hösseringen“ (VLH) um „… für alle Zeiten die Gewähr zu haben, daß dieser Landtagsplatz bei Hösseringen als Versammlungsplatz des Bauerntums erhalten, immer besser ausgestaltet und gepflegt wird…“.
Mit großem Tamtam wird der neugestaltete Platz am 28. Juni 1936 eingeweiht – zum Leidwesen Gloysteins ohne Reichsbauernführer Darré und SS-Reichsführer Himmler.
Es wird angekündigt, dass der Platz zukünftig durch Landesbauernrat, SS und HJ regelmäßig für Versammlungen genutzt werden soll. Im Juli 1936 findet dann auch tatsächlich die erste Generalversammlung des VLH statt – allerdings im Haus am Landtagsplatz.
Im Juni 1937 fällt das geplante zweite „Event“, ein Bauerntreffen, sprichwörtlich ins Wasser. Durch ein plötzliches Unwetter holen sich die Angereisten einen nassen Hintern – die Veranstaltung muß verschoben werden.
Die Begeisterung für den Veranstaltungsort sinkt. Etwas später scheidet auch noch der wortgewaltige Gloystein aus seinem Amt, und ohne ihn verliert die neue „niedersächsische Kulturstätte“ schnell an Faszination und Popularität.
Der Kreisbauerntag 1938 wird zur dritten und letzten Veranstaltung des „Bauerntums“ auf dem Landtagsplatz.
Kriegsende
1945 soll der Platz eingeebnet werden. Das wird unter den Augen der britischen Besatzungsmacht verhindert, der Platz entnazifiziert. Merkwürdigerweise bleiben einige NS-Symbole und -beschriftungen erhalten.
Der Verein „Vereinigung Landtagsplatz Hösseringen“ (VLH) bleibt Eigentümer des Landtagsplatzes. Mit einigen Ewiggestrigen Mitgliedern gibt es in den 1970er Jahren viele Querelen – besonders bei der Museumsgründung 1975.
Zu einem Eklat mit dem VLH kommt es 1977, als der Museumsverband für Niedersachsen und Bremen eine Exkursion ins Museumsdorf Hösseringen macht und die verbliebenen NS-Symbole entdeckt.
Dr. Ottenjahn, Direktor des Cloppenburger Freilichtmuseums und Kuratoriumsmitglied des Landwirtschaftsmuseums Hösseringen, wirft dem Verein vor, eine grundsätzliche Aufarbeitung der nationalsozialistischen Zeit vermissen zu lassen und eine Verklärung des Bauerntums zu betreiben. Er droht mit gravierenden Konsequenzen für das Museumsdorf, woraufhin die NS-Beschriftungen und Hakenkreuze in den Gefachen des Hauses endgültig entfernt werden.
Heute
Die „Vereinigung Landtagsplatz Hösseringen“ gibt es auch heute noch. Sie ist, laut Insider-Info, inzwischen mehr eine Art Heimatverein – ohne jegliche Ideologie. Die „Problemfälle“ haben sich „biologisch“ geklärt – sie sind verstorben.
Auf dem Landtagsplatz scheint die Zeit seit 1977 stehengeblieben.
In der bisher erfolgreichsten Ausstellung des Museumsdorfes „Die deutschen Bauern geschlossen hinter dem Führer?“, 1997 wird u.a. auch er thematisiert. Dazu erschien das Materialienheft Nr. 28.
Und darüber hinaus?
Am Eingang des Platzes stehen zwei alte Infotafeln mit zwei dürren Textblöcken zu den Jahren 1933 und 1972. Inhaltlich: Nebensächlichkeiten, ein Nichts!
Zum Vergleich: die Kläranlage des Suderburger Klärwerkes bietet auf einem eigens dafür errichteten „Aussichtsturm“ auf Infotafeln umfangreiche Aufklärung über die Funktionsweisen der Anlage und dazu einen Exclusivblick auf die gequirlte Sch…, die Luft ist klar.
Der Aufreger: Schimmacks Anregung
Der Landtagsplatz erinnert an stehendes Gewässer. Belüftet man es nicht, entsteht Fäulnis am Grund. In Abständen steigen Gasblasen auf – es stinkt. Rührt man darin rum, stinkt’s erst recht.
Ähnlich geht es dem Landtagsplatz, die Vergangenheit schlummert am Grund, niemand will sie aufrühren.
Bürgermeister Hans-Hermann Hoff war entsetzt („…das tue ich mir nicht an“), als der parteiunabhängige Ratsherr Götz Schimmack mit der Anregung an den Gemeinderat herantrat, auf dem Landtagsplatz eine Ratssitzung abzuhalten.
Schimmack stört gewaltig, dass mit dem Platz zwar in jeder touristischen Broschüre geworben, ansonsten aber ein „Mäntelchen des Schweigens“ über ihn gehängt wird.
Er möchte der ursprünglichen NS-Nutzung einen rechtstaatlich-demokratischen Kontrapunkt entgegensetzen, das Mäntelchen entfernen und den „Teich lüften“.
Das mit einer Ratssitzung zu machen, ist nur ein Vorschlag. Aber es wäre ein deutliches Zeichen.
Die Reaktionen der Ratsmitglieder waren gemischt. Diskutiert wurde über das Thema aber nicht, sondern es wurde an den Verwaltungsausschuss durchgereicht (nicht öffentlich).
Nachdem Schimmacks Anregung an die Öffentlichkeit kam, brach die Phalanx der bekannten Leserbriefschreiber los. Ihr Netzwerk funktioniert und sie warnen vor tiefsten Abgründen. Sie gerieren sich als Oberbedenkenträger und möchten das Thema möglichst „totschlagen“. Eine konstruktive Diskussion wird so verhindert, es traut sich ja kaum noch jemand etwas zu sagen – und die Nomenklatura geht in Deckung…
Bürgermeister Hoff gab kürzlich die Parole aus, den Ball „flach zu halten“. Unter Helmut Kohl nannte man das „aussitzen“ und dieser Begriff fiel auch auf besagter Ratssitzung.
Eine weitere Anregung
Warum ist das so? Fast 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges sollte es möglich sein, Dinge auch nach vorne zu denken – ohne dabei die Vergangenheit zu verdrängen oder zu vergessen.
Wir haben hier eine ziemlich einmalige Konstellation:
– den einzigartig erhaltenen Landtagsplatz als geschichtlich wichtiges und wertvolles Zeitzeugnis,
– nebenan dass Landwirtschaftsmuseum Lüneburger Heide und
– eine über jeden Zweifel erhabene, geballte Historiker-Power.
Diese könnte den Platz, z.B. als Aussengelände, bei gleichzeitiger Aufarbeitung der Entstehungsgeschichte, als Exponat in das Museumsdorf integrieren.
Die Vereinigung Landtagsplatz Hösseringen müsste dazu den Platz nicht aufgeben, sondern bräuchte ihn nur als Dauerleihgabe zur Verfügung stellen. Sie unterstützt das Museumsdorf bereits seit Jahren regelmäßig mit großzügigen Beträgen und hat, nebenbei bemerkt, laut ihren Statuten das Museumsdorf zum Generalerben des Vereinsvermögen bestimmt, sollte sie sich einmal auflösen.
Vielleicht spricht einfach mal jemand von offizieller Seite mit der Vereinigung.
Für eine „Übergabeveranstaltung“ könnte man die Tafeln der Wanderausstellung „Die deutschen Bauern geschlossen hinter dem Führer?“ nutzen. Sie sind im Museum eingelagert. Es entständen also noch nicht einmal besondere Kosten.
Und der Rat?
Der Suderburger Gemeinderat könnte helfen, eine solche oder ähnliche Lösung zu finden und sich natürlich mit Gedenk- und Feierstunde beteiligen.
Eine relative einfache Lösung – und der „Teich“ wäre dauerhaft „belüftet“…
Nachsatz…
Das alles wäre vielleicht ein bisschen schade für die kleinen Jungs, denen damit die Vorstellung von Keule-schwingenden Germanen geraubt wird.
Aber – als Anregung für‘s Museum: eine Ausstellung über germanische Bräuche und Thingplätze könnte das kompensieren – und solche Plätze hat es ja tatsächlich auch gegeben…
ap
Eine wichtige und weitergehende Quelle zum Thema ist die Magisterarbeit von Anne Denecke-Heinichen: Der Landtagsplatz bei Hösseringen, 1988
Historische Fotos: Museumsdorf Hösseringen
Aktuelle Fotos: Andreas Paschko






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